Felicitas Frischmuth - Lyrikerin (...Fortsetzung)

Felicitas Frischmuth (1930 - 2009) Fortsetzung...von Gerhard Schmidt-Henkel

Wir können uns vor die wuchtige und zugleich graziöse Stele an der Modernen Galerie (Saarbrücken) stellen und den dort eingeschriebenen Text lesen, und wir stellen fest, wie dieser sich verändert, wenn wir nicht von oben herab auf ein beschriebenes Papierblatt schauen, sondern von unten nach oben, auf den steinernen Textträger, den Kopf im Nacken, in angemessen ehrfürchtiger Haltung, Nietzsches Wort, man solle an jeder Seite Prosa wie an einer Bildsäule arbeiten (wie erst an einem Gedicht), bekommt damit eine neue Bedeutung.
1982 wurde Felicitas Frischmuth mit dem Kunstpreis des Saarlandes ausgezeichnet.
Die Titel ihrer Bücher lesen sich, nacheinander gereiht, wie ein eigenes Gedicht: "Papiertraum / An den Rand des Bekannten / Moment mal / Lockrufe / Nach einer Seite fliegt mein Herz heraus / Alle Flammen sind besetzt / Kein Zaun Keine Mauer / Die kleinen Erschütterungen / Der schwere Körper am Trapez / Landzunge" (eine Auswahl, man kann sie auch aleatorisch, durcheinander würfelnd, behandeln). Manchen Lesern mögen einige dieser Gedichte als sperrig, ja hermetisch-geheimnisvoll erscheinen. Es gibt jedoch auch große Erzählgedichte, zum Beispiel "Man müsste die Landschaft verlegen", neu gedruckt am Schluß vom "Metamorphosis", eine Einladung "ins Tal hinunter Feldweg Baltersweiler steiler Stich".
Und es gibt in diesen Gedichten, versteckt und offen, einen noch nicht hinreichend gewürdigten Humor, Berolinismen, Ironie, Sarkasmen, neben dem immerwährenden Staunen auf diese merkwürdig faszinierende Menschenwelt.

 

Die Epiphanie, das Beschwören der Dingwelt, wird zur Epiphanie der Sprachwelt und damit Lyrik: "Anrufung aller Menschengötter, Pflanzen, Tiere / Hemera / Wenn Hemera kommt, / öffnen die Grashalme ihre Augen. / Augen der Erde blicken blind auf die Weinberge......Anrufung aller Menschengötter, Pflanzen, Tiere / pflückt Hemera sich die Nacht, / die körperlos an einer Weide hing." ("Hemera": griechische Göttin des Tages, in "Papiertraum".)
Felicitas schrieb mir 1995 "So bin ich denn auf dem Papier ein zweites Mal vorhanden". Und 1983 "Mit den Verwandlungen (des Mythos) wäre ich schon einverstanden, nicht als Anpassung an das Vorhandene, aber als Möglichkeit des Lebendigen im Verhältnis zum Tod".
Nun ist sie im August 2009 gestorben. "Ein Mensch atmet aus, stirbt. Ganz ruhig, ganz konzentriert. Wie bei einer Arbeit. Respekteinflößend macht er sich davon. Die Zurückbleibenden erschrecken, er erschrickt nicht." Und: "Die Parkinsonsche Krankheit ist eine fortschreitende Lähmung". ("Die kleinen Erschütterungen", 1982) Diese Sätze galten der kranken Mutter.
Im Jahre 2003 wurde auch bei Felicitas das Parkinson-Syndrom diagnostiziert. Sie schrieb, solange sie konnte. Sie behielt ihre Würde. Wir haben sie bewundert. Sie übergab ihren Nachlaß dem Literaturarchiv der Grenzregionen SaarLorLuxElsaß.

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